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F r e i e U n i v e r s i t ä t B e r l i n
Institut für Theaterwissenschaften
Seminar für Filmwissenschaften
Sommersemester 2000
Dozentin: Dr. Christa Blümlinger
H a u s a r b e i t
Vorgelegt von
Johannes Rosenstein
Hier sitze ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!
(Goethe, Prometheus)
Eine Geschichte durchschauen heißt sie verlieren, denn ist man einmal zum Hintersinn gelangt, führt kein Weg zum Geschehen zurück. Daher erwarte ich von einem Film, dass er es mir erspart, ihn zu durchschauen. Der Regisseur schenkt mir den ganzen Film, indem er sich diskret entfernt. Wenn er so eitel ist, sein Werk zu kommentieren, fordert er es zurück. Handelt der Film gar von Regiearbeit und Autorenleid, will ich nicht stören und entferne mich."
(Frank Böckelmann, Ins Kino)
Inhalt
1. Einleitung 4
2. Filmauswahl und thematische Hinführung 5
2.1. Das Selbstbildnis in der Kunst
5
2.2. Der autothematische Film
6
2.3. Das Kunstwerk als Welt-Modell
7
2.4. Das Schichtenmodell
7
3. Untersuchung der Filme 8
3.1. Le Mépris
8
3.1.1. Inhaltlicher Aufbau
8
3.1.2. Die Ebene der semantischen Felder
9
3.1.3. Die Ebene der syntagmatischen Felder
10
3.1.3.1. Der Point of View des Erzählers
10
3.1.3.2. Die Personenkonstellation
11
3.1.3.3. Die Zeit- und Raumstruktur
14
3.1.4. Die filmische Präsentation
16
3.1.4.1. Die Kinoszene unter der
Lupe 16
3.1.4.2. Zwischenbilanz
21
3.2. 8 ½
21
3.2.1. Inhaltlicher Aufbau
21
3.2.2. Die Ebene der semantischen Felder
22
3.2.3. Die Ebene der syntagmatischen Felder
23
3.2.3.1. Der Point of View des Erzählers
23
3.2.3.2. Die Personenkonstellation
25
3.2.3.3. Die Zeit- und Raumstruktur
27
3.2.4. Die filmische Präsentation
28
3.2.4.1. Die Kamera
28
3.2.4.2. Die Kinoszene unter der
Lupe 30
3.3. 8 ½ und Le Mépris. Ein Vergleich 35
4. Verwendete Literatur
39
1. Einleitung
Eine vergleichende Untersuchung der Filme
Le Mépris von Jean-Luc Godard und Otto e mezzo von Federico Fellini
muss sich mehreren Grundfragen stellen: zum einen, auf welcher Basis ein
Vergleich stattfindet, zum anderen, wie man mit der Bewertung von
Gemeinsamkeiten und Unterschieden umgeht, und, ganz grundlegend : Warum
sich eine Untersuchung dieser beiden, auf den ersten Blick so unterschiedlichen
Werke, überhaupt lohnt!
Die vorliegende Arbeit wird sich dem Problem
von dieser Seite aus nähern. Da der Rahmen einer Hausarbeit eine umfassende
Analyse nicht zulässt, möchte ich ausgewählte - begründete
- Szenen aus beiden Filmen gegenüberstellen, um zu zeigen, wie unterschiedlich
die Inszenierung eines kinematographischen und bzw. oder cinéphilen
Gedächtnisses ausfallen kann.
Im einzelnen: In einer Einleitung werde
ich darlegen, unter welchen Gesichtspunkten die Filme ausgewählt wurden,
wobei hier auch auf den Begriff des „autothematischen Films" näher
eingegangen wird. In einem zweiten Schritt soll kurz die Methode sowie
das Analysemodell, das als Werkzeug für die Untersuchung eingesetzt
wird, vorgestellt werden. Im Hauptteil werden beide Filme eingehender untersucht,
damit für einen zusammenfassenden Schlussteil Gemeinsamkeiten und
Unterschiede dargelegt und bewertet werden können.
Eine Bemerkung meinerseits sei abschließend
gestattet: In Godards Fall erfolgt diese Untersuchung mit intellektueller
Freude - sein Satz „Filme machen heißt, in Platos Höhle dank
Cézannes Licht klar zu sehen" hat ja nicht nur einen aufklärerischen
Impetus, sondern auch einen kunstgeschichtlichen Zusammenhang, der wissenschaftliches
Arbeiten geradezu herausfordert. Bei Fellini sträube ich mich ein
wenig, sein Werk wissenschaftlich zu durchleuchten und intellektuell zu
interpretieren, getreu seiner Devise: „Einen Film dreht man, ohne genau
zu wissen, worum es sich handelt."
Doch da Kunst immer mit Interpretation
zu tun hat, gehe ich das Risiko ein.
2. Filmauswahl und thematische Hinführung
Le Mépris und Otto e mezzo wurden
beide im Jahr 1963 das erste Mal aufgeführt und beide setzen sich
mit dem eigenen Medium, dem Film, auseinander. Godard und Fellini kommen
aus höchst unterschiedlichen Kontexten, so dass es wie ein Zufall
erscheinen muss, dass sich diese beiden grundverschiedenen Künstler
dem gleichen Thema zur selben Zeit nähern.
Das gemeinsame Thema lautet: die Reflexion
der eigenen Kunst führt von Selbsterkenntnis über Selbsterforschung
zum Selbstbekenntnis: d.h. zum Selbstbildnis.
2.1. Das Selbstbildnis in der Kunst
Die Anfänge künstlerischer Selbstbildnisse
liegen relativ kurz zurück, wenn man bedenkt, dass die frühesten
Kunsterzeugnisse, die Höhlenzeichnungen, vor ca. 30 000 Jahren auftraten:
Bis ins 13. Jahrhundert hinein war es undenkbar, dass sich ein Maler durch
ein Selbstportrait verewigte. Albrecht Dürer (1471-1528) ist einer
der ersten Künstler, „dessen Lebenswerk vom Selbstbildnis als einer
sich ständig neu stellenden Aufgabe begleitet wird". Rembrandt und
Da Vinci scheuen später vor Selbstdarstellung ebenso wenig zurück
wie Van Gogh.
Die Traditon der Selbstdarstellungen in
der westlichen Kunst ist seitdem unübersehbar, und häufig dokumentiert
sich eine ganz besondere Aussagekraft in ihnen oder verweist auf eine wichtige
Epoche im Arbeitsleben des Künstlers. Nicht anders verhält es
sich bei Selbstdarstellungen in der Filmkunst.
Selbstdarstellung im Film bedeutet immer
auch: Darstellung des Filmbetriebes. Es soll hier allerdings nicht um das
Genre „Film im Film" gehen (das sich wiederum unterteilen ließe),
und was eindeutige Zuordnungen auch nur halbwegs zulässt, handelt
es sich doch dabei häufig um die Geschichte „Hollywood on Hollywood".
2.2. Der autothemtatische Film
In dieser Untersuchung steht ein europäisches
Sub-Genre im Mittelpunkt: der authothematische Film. Schleicher hat folgende
Kriterien dafür eingeführt:
- Die Filme beschäftigen sich in
ambitionierter Weise mit dem Filmmetier
- Im Mittelpunkt stehen eine oder mehrere
am Filmprojekt kreativ beteiligte Personen, in der Regel (auch) der Regisseur.
- Die Gestaltung der Filme reflektiert
auf bestimmte Weise die Auseinandersetzung mit dem Thema.
- Darüber hinaus wird nicht nur ein
Einblick in die Filmarbeit, sondern auch in das „Innerste ihrer Schöpfer"
versprochen.
Es geht also nicht um Filme, die nur „irgendwas"
mit Film zu tun haben oder im produktionstechnischen Milieu verankert sind,
sondern um Filme, die die Vermittlung des Prozesses des Filmemachens thematisieren,
und die darüber hinaus den Zuschauer mit seinem Rezeptionsprozeß
konfrontieren.
„Es handelt sich um Filme, die die Konstituierung
des Textes Film so thematisieren, dass der von ihnen vorstrukturierte Rezeptionsprozeß
selbst zum Thema erhoben wird. Wenn diese Filme über Film 'sprechen',
so 'sprechen' sie immer auch über ihre Sprache."
Le Mépris und 8 ½ erfüllen
diese Voraussetzungen. Sie liefern einen Blick hinter die Kulissen, der
die Möglichkeiten kreativer Arbeit in der Filmbranche kritisch betrachtet.
Die eigene Tradition ist Teil der Auseinandersetzung: Fellini und Godard
sind beide im europäischen Autorenkino verwurzelt. Beider Bezugspunkt
ist die eigene abendländische Kultur, auch wenn der US-Film tatsächlich
oder virtuell auftaucht.
Ihre Filme behandeln beide den Versuch,
künstlerische Intentionen in die Filmindustrie einzubringen. Beide
thematisieren die schöpferische Krise, gewichten jedoch die Verflechtung
von künstlerischen Konflikten mit privaten Problemen unterschiedlich.
2.3. Das Kunstwerk als Welt-Modell
Ein Kunstwerk bietet ein sinnstiftendes
Modell von Welt an, weil Kunst zwar einerseits von der Wirklichkeit lebt,
andererseits aber neben der Wirklichkeit eine neue Realität schafft.
Grundsätzlich ist das Kunstwerk (im Gegensatz zum wissenschaftlichen
Werk beispielsweise) mehrdeutig, d.h. individuelle Lesarten werden nicht
nur eröffnet, sondern herausgefordert. Obwohl es selbst als Werk begrenzt
ist, schafft es das Modell „der unbegrenzten Welt. Es zieht Grenzen und
lebt davon dass es diese Grenzen überwindet". Aus diesem Potenzial
- Begrenztheit einerseits und Bedeutungen schaffend andererseits - schöpft
sich das Sinnstiftende eines Kunstwerks. Schopenhauer spricht davon, dass
die Kunst das „eigentlich Wesentliche der Welt" zum Inhalt habe, das „wahre
Gehalt aller Erscheinungen" auszudrücken vermöge. Oder anders
:
„Die Kunst ist die Quelle unseres Wissens
über das, was jenseits liegt; sie verrät uns, was die Natur im
Schilde führt. [...] Die Kunst des Westens ist Kino aus Sexualität
und Traum. Kunst ist Form, die darum ringt, aus dem Alptraum der Natur
zu erwachen."
2.4. Das Schichtenmodell
Die Form oder auch die Organisation des
Kunstwerks ist beim narrativen Text die Geschichte. Die Geschichte interpretiert
das noch abstrakte, nicht mit Sinn behaftete Geschehen und verleiht durch
die strukturierende Narration der Handlung Sinn.
Es gibt verschiedene Modelle, die narrative
Filme zu gliedern versuchen. Am überzeugendsten stellt sich eine Kombination
aus mehreren Modellen dar, die Schleicher als Schichtenmodell bezeichnet.
Auf die Konzepte Peters', Lotmans und Stierles zurückgreifend, stellt
er sich folgende Zuordnung vor:
1. Als Material stehen ungeordnete Geschehnisse
zur Verfügung, die in eine sinnstiftende Ordnung gebracht werden müssen.
(Diese Ebene kann ich im Rahmen einer Hausarbeit aus Platzgründen
nur streifen.)
2. Die erste Organisationsebene übernimmt
und bildet aus dem Material semantische Felder, die geprägt sind von
Werten und Normen, und in denen sich das Sujet der Grenzverletzung bereits
manifestiert.
3. Die zweite Organisationsebene ordnet
die Faktoren Zeit und Raum sowie den Standpunkt des Erzählers: hier
nimmt die Geschichte Gestalt an, sie ist erzählbar, allerdings noch
nicht filmisch.
4. Auf der letzten Ebene steht die medienspezifische
Präsentation. Hier wird im narrativen Film durch den Point of View
der Kamera, durch Komposition und Montage, sowie durch Sprache, Musik und
Geräusche die Geschichte strukturiert und erfahrbar gemacht. Zusammengehalten
werden die vier Entscheidungsvorgänge von dem konzeptionellen Rahmen.
Ich will im Folgenden zeigen, wie sich dieses Modell auf ausgewählte Szenen der beiden Filme anwenden läßt, um zu demonstrieren, wie komplex die beiden autothematischen Filme aufgebaut sind, und um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Inhalt und in der Form herauszuarbeiten.
3. Untersuchung der Filme
3.1. Le Mépris
3.1.1. Inhaltlicher Aufbau
Le Mépris erzählt die Geschichte
des Drehbuchautors Paul Javal und seiner Frau Camille, deren Ehe bei den
Arbeiten zu einem Film von Fritz Lang über die Irrfahrten des Odysseus
zerbricht, weil Camille (Brigit Bardot) glaubt, ihr Mann (Michel Piccoli)
wolle sie an den Produzenten (Jack Palance) abtreten, um die eigene Position
zu sichern. Die Ehe scheitert am Mangel an Gefühlen, das Filmprojekt
am Mangel an Geld. - Für zwei der fünf Protagonisten endet die
Krisengeschichte tödlich.
Godard schrieb in den Cahiers du Cinéma
vom August 1963 dazu:
„Le Mépris ist ein einfacher Film
ohne Geheimnisse, ein aristotelischer Film des äußeren Scheins,
der in 149 Einstellungen beweist, dass im Kino wie im Leben nichts Geheimnisvolles
ist, nichts, was es zu erläutern gäbe, man braucht nur zu leben
- und zu filmen."
Ganz so einfach, behaupte ich, entfaltet
sich der Film nicht - zu viele Ebenen und Verflechtungen lassen den Film
durchaus nicht „einfach" oder „ohne Geheimnisse" scheinen. Schließlich
geht es
„Godard doch immer um's Zerlegen,
Wieder-Zusammenfügen, Auseinanderreissen und Montieren - aber so,
dass die Nähte sichtbar werden. Die Wunden zwischen Text und Bild
und Musik und Sprache bilden Narben. Die Narben geben Godards Filmen ihren
essayistischen? intellektuellen? experimentellen? - in jedem Fall: sperrigen
Charakter."
3.1.2. Die Ebene der semantischen Felder
Auf der Organisationsebene der semantischen
Felder (Werte und Normen) wären zwei zentrale Konflikte anzusiedeln:
1. Die wachsende Verachtung, der Verlust
aller Wertschätzung. Die Verachtung drückt sich zwischen mehreren
Protagonisten aus: Camille verachtet Paul direkt und unmissverständlich.
Nach einem längeren, eher unaufgeregtem Disput zwischen beiden Eheleuten
in der Wohnung, stellt sie im Treppenhaus fest: „Ich verachte dich" [1:05:10]
. Auf Capri wird Paul die Frage stellen: „Warum verachtest du mich?", was
Camille zunächst nicht beantworten möchte: „Das sag ich dir nie,
und müßte ich sterben." [1:29:27]. Schließlich gibt sie
doch noch einen Hinweis: „Ich hasse dich, weil du mich nicht mehr rührst."
[1:31:34]
Des weiteren verachtet Produzent Prokosch
den Regisseur Fritz Lang. Im Vorführraum wirft er aus Wut seine Filmdosen
auf den Boden: „Das halte ich von deinem Zeug, Fritz!" [0:16:30].
Kurz darauf unterstellt er, Lang habe ihn ausgetrickst [0:17:16], was Lang
jedoch zu kontern weiß - und damit seine Verachtung Prokosch gegenüber
als Vertreter einer Filmindustrie ohne Kunstverstand ausdrückt: er
weist Prokosch auf den Unterschied zwischen Drehbuch und Film hin und fügt
ironisch hinzu, als der Produzent eine Filmrolle wie einen Diskos durch
den Raum schleudert: „Langsam bekommen Sie ein Gefühl für griechische
Kultur" [0:18:15].
2. Das die Verachtung (mépris)
begründende und/oder aus ihr hervorgehende Mißverständnis
(méprise) ist ebenfalls ein wichtier Konfliktpunkt. Wenn Paul Camille
drängt, zu Prokosch in den Wagen zu steigen, um mit ihm in dessen
Villa zu fahren, ist in ihrem Gesicht das erste Mal jenes Unverständnis
und jene Abneigung zu lesen, die den Grundstein für weiteres Aneinandervorbeireden
legen [0:22:29]. Nicht von ungefähr ist im Hintergrund das Kinoplakat
„Hatari" (Suaheli: Gefahr!) in dieser Szene das erste Mal sichtbar. Auf
Prokoschs Landsitz ist der Vorwurf explizit: „Wo hast du dich rumgetrieben,
Paul? Wir haben lange auf dich gewartet." [0:24:29]. Aber Paul bietet nur
eine gewundene, umständliche Erklärung an.
Allgemein gesprochen: Die Bemächtigung der Gefühle durch das Geld verweist auf die Grenzüberschreitung, die Verletzung der Normen und Werte: Wertschätzung der Beziehung als Voraussetzung für ebensolche, sowie (Kunst-)Verstand und Achtung.
3.1.3. Die Ebene der syntagmatischen Felder
3.1.3.1 Point of View des Erzählers
Die zahlreichen filmischen Anspielungen
und (Selbst-)Reflexionen gehören teilweise bereits zur zweiten Organisationsebene:
der syntagmatischen Anordnung in Point of View des Erzählers, Zeit,
Raum und Personenkonstellation.
Der Erzähler ist von Anfang an eine
zentrale Größe: er äußert sich als Off-Stimme und
stellt klar, dass Le Mépris nicht irgendeine, sondern die „Geschichte
dieser Welt" [0:01:51] erzählen wird.
Die Protagonisten sind, trotz häufig
geübter Distanz seitens des Erzählers, sein Sprachrohr für
Zitate von Hölderlin [0:18:43], Brecht [1:09:48] oder Corneille [1:17:15].
Er präsentiert Camilles innere Bilder,
indem er Einblick in ihre Gedankenwelt und ihr Gefühlsleben gibt [0:54:00-0:55:41],
er setzt sich über die Handlungslogik hinweg (z.B. steht von einer
Szene auf die andere ein Mäuerchen auf dem Dach der Villa in Capri
[1:26:55]), er eliminiert den O-Ton bei der Szene im Casting-Kino [1:06:52.
1:07:18]; er zeigt uns nicht die Aktion, den Unfall, sondern nur das Ergebnis,
den Tod [1:32:12].
Aber auch die Distanz beinhaltet eine
auktoriale Haltung, wenn die Auseinandersetzung zwischen Paul und Camille
in einer äußerst neutralen Perspektive aufgenommen wird (größtenteils
Halbtotalen und Totalen, z.B. im Schlafzimmer [0:45:09] oder im Wohnzimmer,
wo Camille ihr neues Bett aufschlägt [0:46:12]).
Nicht zuletzt die Statuen, Götterbilder,
die von außen und ohne direkten Bezug zur Handlung eingefügt
sind, sondern vermittelnden und kommentierenden Charakter haben, verweisen
auf den allwissenden, externen Point of View (z.B. die Einblendung von
Neptun, dem „Todfeind von Odysseus", wie Lang bemerkt, nach dem ersten
Missverständnis vor dem Studiokino [0:23:18] oder Minerva, die zwischen
dem Heimweg und der Appartment-Szene eingeblendet wird [0:34:33]).
Alles in allem, bemerkt Schleicher zu
„Godards Erzähler: das ist Zeus, der - auf seinem 'Olympian Pont of
View' sitzend, die Geschichte der Welt lenkt..."
3.1.3.2. Die Personenkonstellation
Im Mittelpunkt steht keine Einzelperson,
sondern eine Gruppe von Leuten:
Paul Javal, seine Frau Camille (beide
Frankreich), der Produzent Prokosch (USA), seine Assistentin Francesca
(Italien), sowie der Älteste, Fritz Lang (Deutschland/USA).
Paul Javal wird von Godard als „unsympathisch
sympathisch" beschrieben, dessen träumerische Ader seine Dünnhäutigkeit
nur mühsam kaschiert. Er kokettiert mit der Anlehnung ans Gangster-Milieu,
ist aber im Grunde ein französischer Intellektueller, der, wie Godard
bezeichnenderweise schreibt, eine Figur aus Letztes Jahr in Marienbad sein
könnte, die lieber eine Rolle in Rio Bravo spielen würde.
Camille ist wie eine „große Blume", „man fragt sich während des ganzen Films, woran sie denkt", sie ist ebenso unvorhersehbar wie unerklärlich, schreibt Godard. Sie analysiert ihre Gefühle nicht, sondern lebt sie schlicht und ergreifend aus, seien es solche der Liebe oder der Verachtung. Allerdings führen die Ereignisse von Le Mépris sie in Situationen, die durch Reflexe allein nicht mehr zu lösen sind; ihnen entzieht sie sich dann (z.B. das Beziehungsgespräch unter der Lampe [1:03:18], das sie abrupt beendet oder der Sprung ins Wasser, wo sie sich beide Male physisch von Paul entfernt [1:32:35]).
Jeremy Prokosch ist „mehr aus Stolz, denn aus Interesse Produzent", wie Godard schreibt. Mit seinem Ausspruch „Oh, ich mag die Götter... Ich weiß genau wie sie fühlen" [0:12:30] stellt er sich in die Reihe der großen Hollywood-Tycoons, aber Godard stellt fest: Er ist „nur ein Halbgott, das ist seine Stärke und seine Schwäche". Differenzierungen und Zwischentöne sind ihm fremd: auf Fragen erwartet er gewöhnlich Antworten der Formel „ja oder nein"[0:32:18].
Fritz Lang sagt im Film über ihn:
„Ein Filmproduzent kann der Freund eines Regisseurs sein. Aber Prokosch
ist kein richtiger Produzent. Er ist ein Diktator." [1:17:45]
Lang ist eine Vaterfigur, er ist ein lebendiges
Zitat der Filmgeschichte und repräsentiert das Gewissen des Films.
Das wird bereits in der Anfangssequenz klar, in der Paul Javal Lang
als jemanden charakterisiert, der sich nicht von den Nazis vereinahmen
ließ [0:08:40]. Dadurch wird er zur „moralischen Instanz, die Odysseus'
Odyssee mit der moralischen Odyssee Pauls und Camilles verbindet". Bescheidenheit
und Liebenswürdigkeit zeichnen ihn aus: das macht laut Godard einen
großen Regisseur aus.
Francesca ist Sekretärin und Übersetzerin Prokoschs. „Die Beziehung zu Prokosch ist nicht streng definiert, was die Gefühle angehen, und der Zuschauer ist frei, sich das vorzustellen, was er möchte". Ihre Stimme ist wie eine zweite Geige, schreibt Godard weiter, die simultan alle vorkommenden Sprachen übersetzt, was allerdings leichte Sinnverschiebungen zur Folge hat. So wird aus Langs Satz „Each picture should habe a definite point of view..." [0:10:18] für ihren Produzenten: „Ein Film muss Stellung nehmen" [deutsche Untertitel der französischen Version!] Es ist kein Zufall, dass Godard sich von der italienischen Version des Films distanzierte, die alle Sprachen ins Italienische synchronisierte und deshalb nur noch unwesentliche Versatzstücke für Francesca übrig behielt.
Die Personenkonstellation wird durch unterschiedliche
Beziehungen der Protagonisten untereinander geprägt: (a) die Beziehung
der ökonomischen Abhängigkeit, (b) des kulturellen Hintergrunds
und (c) des persönlichen Miteinanders.
Das ökonomische Abhängigkeitsverhältnis
besteht zum Produzenten Prokosch, wobei alle außer Camille direkt
von ihm abhängig sind. Camille ist über Paul indirekt von Prokosch
abhängig, dies thematisieren beide auch, als es darum geht, das Drehbuch
fertigzustellen oder nicht. „Ich würde es nur für dich und das
Appartment machen", sagt Paul. „Entscheide du." [1:28:45]
Prokosch weiß um die Abhängigkeit:
„Es ist mein Geld" [0:08:38] stellt er von Anfang an klar.
Der kulturelle Hintergrund verbindet - wenn man eine grobe Einteilung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa vornimmt - auf der europäischen Seite Camille und Paul, auf der amerikanischen Prokosch, wobei Fritz Lang (mehr) und Francesca (weniger) beide Kulturen in sich tragen. Zu Europa zählen auch die zitierten Persönlichkeiten (Brecht, Corneille, Dante, Hölderlin). Was die USA angeht, arbeitet der Film mit klaren Klischees: Prokosch ist oberflächlich, könnte kaum mit Lang über Hölderlin reden wie die ihm intellektuell überlegenere Francesca [0:18:43], sondern ist gerade mal in der Lage, aus einem kleinen Büchlein banale Lebensweisheiten zu zitieren [0:33:16]. Mit dem Ausspruch „Immer, wenn ich das Wort Kultur höre, ziehe ich mein Scheckbuch" [0:17:50] wird er ebenso charakterisiert, wie mit dem Gedanken, sich aus einem Band über römische Malerei Anregungen für die Odyssee zu erhoffen [0:31:02].
Auf der Ebene der persönlichen Beziehungen
steht die Ehe zwischen Paul und Camille im Mittelpunkt. Alle anderen sind
einander den Umständen entsprechend herzlich verbunden. Hier bleibt
Prokosch eindeutig außen vor: persönlich verbindet ihn nur eine
vage angedeutete Intimität mit Francesca, wir erfahren aber, dass
er gerne mehr mit Camille zu tun haben möchte: „Man sagt, Sie haben
eine sehr schöne Frau" sagt er zu Paul [0:09:36], er lädt Camille
auf den Landsitz ein [0:23:36] und fährt mit ihr nach Rom [1:34:50].
Die sich in Pauls und Camilles Beziehung
einschleichende Verachtung beginnt mit dem Auftauchen Prokoschs in seinem
roten Sportwagen [0:20:45] (s.o.), und führt über mehrere Wankelmütigkeiten
Pauls zu ihrer Haltung. An mehreren Stellen gibt sie deutlich zu erkennen,
dass sie nicht dafür zuständig ist, Entscheidungen zu fällen:
„Ich sage weder ja noch nein..."; „... es ist mein Mann, der entscheidet..."
[0:34:17]
3.1.3.3. Die Zeit- und Raumstruktur
Schließlich sei noch kurz auf die
Zeit- und Raumstruktur eingegangen:
Die Ereignisse in Le Mépris konzentrieren
sich auf zwei Tage; in einigen kurzen Rückblenden werden Erlebnisse
aus der Vergangenheit aktualisiert:
1. Tag: Paul und Camille im Bett, die
Mustervorführung, der Besuch bei Prokosch, die Auseinandersetzung
im Appartment, das Casting im Kino (alles in und um Rom).
2. Tag: Dreharbeiten auf Capri: das Schiff,
das Dach der Villa.
Es bleibt offen, ob die beiden Tage aufeinander
folgen oder nicht - die räumlichen Entfernungen sprechen jedenfalls
nicht dagegen.
Der Film erzählt sich weitgehend
chronologisch, aus diesem Rahmen fallen nur
1. die Szenen der Odyssee-Verfilmung,
die zeitunabhängig sind
2. die Assoziationen und Reflexionen in
den Rückblenden
3. die Parallelhandlandlung am Ende des
Films: Paul liest den Abschiedsbrief Camilles, während sie mit Prokosch
nach Rom unterwegs ist.
Auch wenn erzählte Zeit und Erzählzeit über weite Strecken übereinstimmen, werden doch verschiedene Zeitebenen eingeführt: dies gilt einmal, wenn Zeiträume von den in der Filmhandlung erzählten Geschichten eröffnet werden (Geschichte von Rama Krishna [0:29:20] oder vom Esel Martin [0:39:18]), und andererseits, wenn der Dialog auf andere Zeitebenen verweist (zum Beispiel in die Vergangenheit, wenn Paul sagt, man müsste wieder bei Chaplin und Griffith anfangen [0:36:01], oder wenn Camille zu Paul sagt, dass er ihr nicht das erste Mal Angst mache [0:50:32], aber auch in die Zukunft, wenn Lang andeutet, nach der Odyssee werde er etwas sehr Schönes machen [1:24:12]).
Räumlich spielt Le Mépris durchgehend
an Originalschauplätzen, die sich einmal in und um Rom befinden, sowie
auf und um Capri. Ausnahmen sind allein die Odyssee-Einstellungen, die
bewusst vor falschem, künstlichen Hintergrund spielen (Penelope freut
sich, dass Odysseus einen Freier mit dem Pfeil erschießt [0:14:20]).
Die Orte Cinecittà und auch das
Appartment vermitteln einen desolaten Eindruck; nicht umsonst sagt Francesca
zu Beginn des Films auf der staubigen, verlassenen Studiostrasse (offenbar
ohne an Fellini zu denken!): „Dem italienischen Kino geht's schlecht" [0:05:21].
Das Appartment lässt „keine Geborgenheit
aufkommen: Hier ist niemand zu Hause"30. Die Tatsache, dass noch nicht
mal der Spiegel aufgehängt wurde, zeigt, wie wenig Aufmerksamkeit
der Wohnung entgegengebracht wird [0:38:27].
Auf Capri dominiert die imposante Landschaft,
aber dennoch ist der
Verfall allgegenwärtig: der Putz
der Villa bröckelt ab, die Freitreppe stammt aus einer Epoche, als
es noch Helden gab (Capri steht ja für die Antike!).
Schleicher ordnet die Innenräume
den Protagonisten zu:
„- das Appartement Camille und Paul;
- die Kinos (Vorführraum und Kino
für Casting) Lang;
- die Villen in der Nähe Roms und
Capris Prokosch".
Zwar unterstützen die Originalschauplätze die authentische Wirkung von Le Mépris, allerdings werden sie auch zu künstlichen Kulissen umfunktioniert, sei es, dass das ganz in Weiß gehaltene Appartment mit seinen roten Sesseln eher an eine Bühne denn an eine Wohnung erinnert, sei es, dass auf Capri die Bildausschnitte auf Tableaus oder Gemälde verweisen (Caspar David Friedrichs romantische Landschaftsmalerei würde hier zuerst einfallen, vgl."Kreidefelsen auf Rüge", um 1820).
Bisher ist die filmische Präsentation nur in groben Zügen angesprochen worden. Vor dem hier dargestellten Hintergrund soll nun eine ausgewählte Szene detaillierter untersucht werden.
3.1.4. Die filmische Präsentation
Es sollen mehrere Kriterien erfüllt sein: zum einen soll die Szene einen Hauptkonfliktpunkt enthalten, also die sich entwickelnde Verachtung zeigen. Inhaltlich relevant wäre auch der Umgang mit dem Medium Film selbst, das, was zu Anfang als autothematisch herauskristallisiert worden ist. Zum anderen soll sie vom filmischen Gesichtspunkt her interessant sein: eine simple Auflösung in Schuss und Gegenschuss dürfte nur am Rande bemerkenswert sein, geht es doch gerade darum, dem Point of View der Kamera mehr Gewicht beizumessen.
3.1.4.1 Die Kinoszene unter der Lupe
Es handelt sich um die Szene im Vorführraum,
die insgesamt aus 37 Einstellungen besteht, allerdings wird hier nicht
auf alle eingegangen.
In Einstellung 1 zeigt die Kamera den
Raum von der Leinwand aus in der Totalen, Fritz Lang sitzt wartend in der
ersten Reihe. Prokosch spielt bereits beim Eintreten mit Francesca und
Paul seine Macht aus, indem er skeptisch-sarkastisch fragt: „Was sehen
wir heute Großartiges, Fritz?" (Zuvor hatte er ja mehr als deutlich
erklärt, dass er nichts von Langs Bildern halte.)
Lang antwortet, während Prokosch
und Francesca Platz nehmen und die Kamera langsam auf Lang zufährt:
„Ein Film muß Stellung nehmen, Jerry. Hier kämpft der einzelne
gegen die Umstände, das ewige Thema der Alten Griechen."
Hinter diesen Worten steckt eine Stellungnahme
Godards: sein Verhältnis zum Kino und zu den Produktionsbedingungen
liegt diesem Ausspruch zu Grunde, hat er sich doch häufig über
Geldmangel geärgert: „... das Entscheidende bei einem Film ist, das
Geld selbst zu kontrollieren..." - und über seine Produzenten Levine
und Ponti ganz offensichtlich, wie eine Fußnote in Jacques Aumonts
Artikel über Le Mépris beweist. So verknüpft Godard die
griechische Odyssee mit der Odyssee des Filmemachens, ganz im Sinne Fellinis
übrigens, der Dreharbeiten ja auch als eine Reise ansieht.
Mit dem nächsten Satz macht sich
das bereits angesprochene kulturelle Gefälle deutlich; Lang hält
nichts von den intellektuellen Qualitäten Prokoschs: „Ich hoffe sehr,
Jerry, Sie können das verstehen. Der Kampf gegen die Götter.
Von Prometheus und Odysseus". Mit seiner Hand weist Lang auf die Leinwand,
wo das Muster anlaufen wird [0:10:12 - 0:10:53].
In den Einstellungen 2-10 wechseln
die Leinwandbilder des bereits realisierten Odyssee-Films mit Einstellungen
im Vorführraum ab, während Lang einige Erklärungen zu den
gefilmten (Götter-)Statuen abgibt [0:10.53 - 0:12:25]. In Einstellung
10 [0:12:23 - 0:12:25] wird explizit auf den unfertigen Charakter der Muster
verwiesen: wir sehen eine Göttin, der man rechts und links Farbtafeln
ins Bild hält, Anweisungen für das Kopierwerk.
In Einstellung 11 [0:12:25 - 0:12:33]
ist das Cinemascope-Format höchst ironisch verwendet: zwei geschminkte
Götterbüsten sind jeweils in die äußerste linke und
rechte Ecke platziert worden, zwischen ihnen dominiert der blaue Himmel,
insgesamt entsteht eine ungewöhnliche und etwas lächerlich wirkende
Bildkomposition, die nur Absicht sein kann. Die gemalten Augen der Statuen
können übrigens als Anspielung auf die gemalten Augen im Werk
des Dichters und Malers Cocteau verstanden werden, den Godard bewunderte.
Während sich die beiden Götterstatuen
anstarren, hört man im Off Prokosch bewundernd sagen: „Die Götter...
Ich mag Götter."
Dann schneidet Godard auf ihn (Einstellung
12, nah Prokosch [0:12:33- 0:12:41]): „Ich mag sie sehr gern. Ich weiß
genau, wie sie denken." Hier spielt Godard auf seine Beschreibung Prokoschs
als „Halbgott" an, die Lang in den folgenden zwei Einstellungen kommentiert
(„Jerry, vergessen Sie nicht, nicht die Götter schufen die Menschen,
der Mensch schuf die Götter!" [0:12:41 - 0:13:00], von Francesca für
Paul ins Französische übersetzt).
In Einstellung 16 [0:13:10] sehen wir
von oben auf ein nacktes Mädchen, das im Wasser schwimmt, was Prokosch,
nachdem man ihn darüber aufklärt, dass es sich um eine Sirene
handelt, zu freudigem, fast kindlichem Gelächter animiert (Einstellung
19 [0:13:33-48], diese Einstellung spielt in Gestus und Erregung deutlich
auf Godards „Les Carabinièrs" an, wo Michel Ange sich im Kinoähnlich
verzückt über eine nackte Dame zeigt.
Schon dieser kleine Ausschnitt von Einstellungen
genügt, um Godards kinematographischen, literarischen und künstlerischen
Reichtum aufzuzeigen: jede Einstellung ist durchtränkt von Godards
Haltung gegenüber dem Kino und gegenüber der Realität -
„radikale Subjektivität, Essayismus,
Synkretismus der Formen..., Kino als zentraler Nervenpunkt enzyklopädischer
Reflexion über die Totalität unseres Lebenszusammenhangs".
Was den Lebenszusammenhang angeht, stellt
Prokosch kurz darauf seine Theorie der Odyssee in den Raum („Ich glaube,
dass Penelope untreu war" [0:13:52-0:14:00]), eine Theorie, die sich Paul
später in umgekehrter Weise zu Nutzen machen wird, um dadurch seine
eigene Situation in die Odyssee zu projizieren [1:17:00], was Lang jedoch
durchschaut.
Als Kommentar auf die Theorie Prokoschs
zitiert Lang Dante, während in den drei Einstellungen 23-25 Godard
plötzlich auf eine überaus stilisierte, künstliche Inszenierung
der Odyssee umschaltet:
Odysseus, am linken Bildrand, vor durchgehend
rotem Hintergrund, blickt in die Kamera, während rechts die Klappe
geschlagen und aus dem Bild genommen wird. Für einen Augenblick schlägt
das Ungleichgewicht durch, das das Cinemascope-Format erzeugt. Dann hebt
Odysseus seinen Bogen, der die gesamt rechte Bildhälfte ausfüllt,
spannt ihn und lässt den Pfeil fliegen [0:14:12-24].
Penelopes stark geschminktes Gesicht wendet
sich langsam von links nach rechts, so als verfolge sie den Pfeil. Da der
Rhythmus jedoch nicht stimmt, wirkt die Bewegung - vor dem ebenfalls einfarbigen,
aber diesmal gelben, Hintergrund - stark künstlich [0:14:25-29]
Vor einem blauen Hintergrund ist rechts
außen das Profil eines Männerkopfes zu sehen, in dessen Hals
Odysseus' Pfeil steckt. Auch diese Einstellung ist geprägt von ihrer
Stilisierung [0:14:29-31].
Der natürliche Raum und die Originalschauplätze
sind hier eindeutig Kulissen gewichen, d.h. Godard zerstört die raum-zeitliche
Einheit des Films, vor allem auch weil er die Hintergrundfarbe wechseln
lässt. Dies verweist auf die „Inszenierung als solche und auf die
Person, die für diese Inszenierung verantwortlich zeichnet".
Nach diesem Stilbruch wechselt Godard
in Einstellung 26 [ab 0:14:31] wieder in den Vorführraum, wo, während
die Kamera eine längere Rückfahrt von Lang auf die Dreierkonstellation
Lang, Francesca, Prokosch unternimmt, Lang weiter Dante zitiert ("Lernt
Euren Ursprung kennen / Nicht zum Sein, sondern der Wissenschaft und Tugend
wegen seid Ihr da" [0:14:31ff]), um dann auf Paul zu schwenken, der sich
einschaltet und den Vers fortsetzt: "Schon schaute die Nacht auf die Sterne
/ Unsere Freude wurde schnell zu Tränen / Bis sich das Meer über
uns schloss". Die Kamera fährt währenddessen auf Paul zu, gleichzeitig
setzt die tragende, an Brahms erinnernde Filmmusik wieder ein [0:14:53],
die den abrupten Übergang zu den Leinwand-Bildern sanfter werden lässt.
In Einstellung 27 [0:15:08] wird noch
einmal Odysseus eingeblendet, und mit dem Scriptgirl und der Klappe, die
Godard selbst schlägt (!), schwenkt die Kamera in Einstellung 28 von
den Felsen aufs Meer, bis der Blick des Zuschauers mit dem der Kamera des
Odyssee-Films übereinstimmt [ab 0:15:36]. Diese Sequenz zeigt
eindeutig, wie bewusst Godard immer wieder auf das Konstruierte, Bildhafte
und Inszenierte des Kinos hinweist - Schütte spricht von der „weißen
Magie der Desillusion", die dazu anhalte, sich nicht in den Bildern zu
verlieren, sondern sich seiner selbst inne zu werden. Auch ist dies ein
Verweis auf die „Hauptrolle" der Kamera, wie der Vorspann bereits ankündigte
(Coutard schwenkt das Objektiv direkt auf die Zuschauer) und wie die letzte
Einstellung bestätigt [1:38:28]: Hier ist ebenfalls der Blick Odysseus'
mit dem der Kameras identisch.
Zwei Einstellungen (29 und 30) bedürfen
noch näherer Betrachtung. Nach der Projektion zeigt die Kamera den
Vorführraum von der Leinwand aus in der Totalen [0:16:03], das Licht
geht an, Paul Javal stellt sich Lang vor, und während Prokosch aufsteht,
entwickelt sich der berühmte Dialog über das Cinemascope-Format.
Die Kamera verfolgt Prokosch, der plötzlich
einer eintretenden Assistentin die Filmbüchsen aus dem Arm schleudert
und sagt: "Das halte ich von deinem Kram, Fritz" [0:16:03-0:16:34]. Während
die Assistentin die Büchsen einsammelt, springt die Kamera über
die Achse, eigentlich ein handwerklicher Fehler, da der Zuschauer durch
die erforderliche Neuorientierung im Raum verwirrt wird und unaufmerksam
werden kann, bei Godard aber spätestens seit Au bout de souffle zum
guten Ton der Inszenierung und der Montage gehörend. Dass Godard die
Verwirrung des Zuschauers in Kauf nimmt, wenn nicht gar provoziert, darf
man getrost annehmen, steht diese Regelverletzung doch keineswegs isoliert
(vgl. Einstellungen 24-26 oder die extrem kurzen Montagefolgen, Gedankenblitze
Camilles', [0:20:14-20]).
Der sich nun entspinnende Dialog zwischen
Paul, Lang und Prokosch wird nur aus der Totalen gezeigt, die insgesamt
2 min 05sec dauert und damit zu den längsten Einstellungen des Films
gehört (Die längst dauert 4'21, die kürzeste besteht aus
15 Einzelbildern, die Durchschnittsdauer beträgt 35,2 Sekunden, was
für einen Film verhältnismäßig lang ist!) Es fällt
auf, dass Schlüsselszenen bei Godard häufig nicht durch Schnitte
unterbrochen werden, sondern in voller Länge durchgespielt werden
(vgl. auch die Diskussion im Appartment, wo durch geschickte Inszenierung
die Kamera ständig andere Bildauschnitte zeigen kann, ohne das Spiel
zu unterbrechen [0:59:50-1:01:40], oder auch der berühmte Dialog unter
der Lampe [ab 1:01:41]).
In dieser Einstellung wird die Verachtung
deutlich, die Lang und Prokosch füreinander hegen. Der Streit „Das
steht nicht im Buch" - „Aber ja!" und das etwas eigensinnige, fast trotzige
Verhalten der beiden wird klar bebildert, die Verachtung Prokoschs für
seine Untergebenen im Allgemeinen (er läßt Francesca springen
und benutzt ihren Rücken als Schreibunterlage) kommt in dieser Einstellung
zum Ausdruck, ebenso Pauls Fluchtgedanke ("Ich schaue, ob meine Frau da
ist", was Prokosch zu verhindern weiß: "Sie bleiben hier"), schließlich
Pauls Kapitulation vor dem Geld, indem er wortlos Prokoschs Scheck entgegennimmt.
Dies ist der Grundstein für die Verachtung, die Camille ihm entgegenbringen
wird.
Die feine Ironie Langs kommt mehrmals
zum Tragen ("Sie bekommen das Gefühl für griechische Kultur",
"Vor einigen schrecklichen Jahren sagten die Nazis da Revolver statt
Scheckbuck"). Schließlich liegt über der ganzen Szene der Ausspruch
von Louis Lumière: "Das Kino ist eine Erfindung ohne Zukunft."[0:16:35-0:18:40]
3.1.4.2. Zwischenbilanz
Die Einstellung macht durch die vielen
Querverweise einmal mehr klar: Godard erzählt in Le Mépris
nicht nur eine Geschichte zwischen zwei Menschen, denen die Liebe abhanden
gekommen ist, sondern er thematisiert Filmindustrie und Kinogeschichte,
indem er Fritz Lang, Jeremy Prokosch und Brigitte Bardot auftreten läßt,
fleisch gewordene Teile dieser Industrie und Geschichte: "lebende Zitate",
die z.T. sich selbst spielen, was im Kino selten genug vorkommt (jüngstes
Beispiel dürfte "Being John Malkovich" von Spike Jonze sein). Dadurch
charakterisiert Godard sich selbst als Cinéphilen, wobei er weniger
als Figur auftritt, denn als Haltung (am nächsten dürfte ihm
Fritz Lang als Regisseur kommen).
Dies gehört zu den zentralsten Unterschieden
zu 8 ½.
3.2. 8 ½
3.2.1. Inhaltlicher Aufbau
Wobei wir beim nächsten Film wären: 8 ½ wird nach dem gleichen Modell (vgl. S.7) untersucht werden, bevor zum Schluss Zusammenhänge und Differenzen erörtert.
8 ½ portraitiert auf mehreren
Ebenen die künstlerische Schaffenskrise eines Regisseurs, dem das
Thema zu seinem Film abhanden gekommen ist. Sich seinen Erinnerungen, Träumen,
Wünschen und Empfindungen hingebend, vermag er es nicht, seinem Filmteam,
seiner Frau und seiner Geliebten wahrhaftig gegenüberzutreten: zwischen
Nostalgie und Vorahnung schwebend entscheidet er sich dafür, keine
Entscheidungen zu treffen. Es ist die Krisengeschichte einer Person, deren
private und berufliche Existenz am entscheidenden Wendepunkt angelangt
ist. Fellini sagt über 8 ½:
"Ein schwer zu fixierendes Mittelding
zwischen einer unzusammenhängenden psychoanalytischen Sitzung und
einer etwas planlosen Gewissenserforschung in einer nebelhaften Atmosphäre:
es ist ein melancholischer, ein beinahe düsterer und doch entschieden
komischer Film".
Die Erzählstruktur hat seit jeher
Zuschauer, Kritiker und Filmwissenschaftler zu Erörterungen provoziert.
Für unsere Zwecke ist bemerkenswert, dass Fellini sich nach La Dolce
Vita (1960) eingehend mit Carl Gustav Jung befasst hat:
"Jung [..] erlaubt dir, deine Phantasie
spielen zu lassen und zu träumen, und wenn du ins dunkle Labyrinth
deines Seins vordringst, dann scheint es dir, als sei er wachsam und schützend
zugegen."
Der Film führt einen sicher durch das Labyrinth der über 40 Episoden und mehr als 50 Darsteller. 8 ½ ist ein „magisches Kaleidoskop", dementsprechend schwer fällt es, eine Struktur herauszukristallisieren.
3.2.2. Die Ebene der semantischen Felder
Auf der Organisationsebene der semantischen
Felder steht das Zusammenprallen der Werte und Ordnungen einer Figur
im Mittelpunkt: des Regisseurs Guido Anselmi.
1. Guido steckt in einer künstlerischen
Krise, während die Produktionsvorbereitungen auf Hochtouren laufen.
Diese Krise wird sowohl verbal ausgedrückt, in Selbstgesprächen
und im Dialog mit anderen, und sie wird auf der Bildebene der realen Produktionsvorbereitungen
geschildert: Guido kann sich weder für Schauspieler entscheiden [0:26:11],
noch kann er den bereits angereisten Darstellern etwas über ihre Rolle
verraten [0:24:26], die gleiche Entscheidungsunlust gilt für die Filmarchitektur
[0:23:55], die Produktionsleitung [0:48:45]. Auch der Produzent wird im
Unklaren gelassen: "Ich kann Ihnen auch keine Auskunft geben, ich bin nämlich
nur der Produzent" [0:31:27].
2. Guido lädt seine langjährige
Geliebte zu sich in den Kurort [0:12:54], verleugnet gleichzeitig aber
ihr Dasein. Er bringt sie in einem kleinen Bahnhofshotel unter und tut
alles, um in der Öffentlichkeit nicht mit ihr zusammen aufzutreten
(beim abendlichen Konzert im Kurhotel blickt zur Seite [0:29:50], auf die
Frage, was sie verbindet, findet er keine Antwort [0:55:32]).
3. Trotzdem lädt er seine Ehefrau
ein [0:45:43], ohne sich um die Konsequenzen eines Aufeinandertreffens
Gedanken zu machen. Das Treffen findet unvermeidlich statt: im Café,
und provoziert Luisa, Guidos Frau, maßlos. Guido selbst gibt vor,
Carla bisher nicht getroffen zu haben, außerdem sei die Affaire ja
bereits seit drei Jahren vorbei. Luisa glaubt ihm nicht [1:27:32].
4. Guido bemüht sich um aufrichtiges
Handeln und Sprechen, und belügt doch fortwährend alle seine
Bezugspersonen, in erster Linie seine Ehefrau [1:27:00]. „Ich könnte
dich niemals betrügen, allein schon um mich nicht der Lächerlichkeit
preiszugeben", sagt sie [1:23:44].
5. Guido stellt die moralische Legitimation
der katholischen Kirche in Frage, und sucht sich doch gleichzeitig Rat
bei den Kirchenoberen [0:56:09].
"Die Konfliktfelder beziehen sich sowohl auf seine private wie auf seine berufliche/ökonomische Existenz" schreibt Schleicher. Fellini meint, das Leben, das dieser Mann führe, sei "wie ein langer Halbschlaf ohne Sinn"46, und was er sucht, kann nur in seiner Vergangenheit gefunden werden: die verlorene Unschuld der Kindheit, die Guido an mehreren Punkten des Films evoziert und die in der Schlusssequenz, wo Guido als Kind alleine in der Arena übrig bleibt, ihr stärkstes Bild findet [2:09:54].
3.2.3. Die Ebene der syntagmatischen Felder
3.2.3.1. Der Point of View des Erzählers
Die zahlreichen Episoden und (Selbst-)Reflexionen
gehören teilweise bereits zur zweiten Organisationsebene: der syntagmatischen
Anordnung in Point of View des Erzählers, Zeit, Raum und Personenkonstellation.
Der Erzähler hat es nicht leicht,
geht es doch in 8 ½ eher um die Lösung eines psychischen denn
eines physischen Problems, und bei der Darstellung von inneren Wirklichkeiten
(im Gegensatz zu "objektiven" äußeren Handlungen) hat es die
Kamera schwerer als beispielsweise der Roman: Die Welt des Films entfaltet
sich szenisch.
Bei 8 ½ ist dies nicht anders.
Das Zuschauerwissen entspricht dem des Protagonisten. Der Erzähler
gibt uns keine zusätzlichen Informationen, auch wenn die Handlung
mehrmals unterbrochen wird und Guidos Betrachtungen, Erinner- und Erörterungen
eingeblendet werden.
Doch gerade über diese Einschübe
eröffnet sich dem Zuschauer ein Zugang zu Guidos Bewusstsein
und damit zu einem subjektiven Point of View.
Über mehrere Verknüpfungen in
Wort und Bild schieben sich die Episoden in die Handlung, sei es, dass
dem Protagonisten vor der Heilquelle im Kurort plötzlich Claudia
erscheint [0:07:21] und ein Ruf der tatsächlich Wasser ausschenkenden
Frau ihn und uns Zuschauer wieder in die „Realität" zurückholt,
sei es, dass Guido in Carlas Bett einschläft und wir seinen Traum
mitverfolgen können [0:19:09], oder sei es, dass sein Blick vom Kardinal
abschweift [0:58:13] und ihn die nackten Beine einer älteren Frau
an die Saraghina-Episode erinnern, die sich nahtlos anschließt.
Immer fungiert Guido als Bindeglied, gleichwohl
hat es der Zuschauer schwer, Anlass und Beweggrund der Verkettung gleich
zu erfassen. Oft erschließt sich die eingeschobene Episode erst langsam
(die Exposition entpuppt sich als Traum, der rätselhafte Satz "Asa
Nisi Masa" [0:37:08] als Geheimsprache der Kindheit.
Die Erzählstränge in 8 ½
könnte man als assoziativ verbunden verstehen:
"Komplexe Assoziationen [...] entstehen
aus gestaltmäßiger oder sinnhafter Zusammengehörigkeit
der Einzelheiten. Die sinnhafte Zusammengehörigkeit ergibt sich dann,
wenn die Bedeutung der Einzelheiten die gegenseitige Beziehung herstellt".
Das trifft auf 8 ½ durchaus
zu. Träume, auch Tagträume, sind ein wesentlicher Bestandteil
der Geschichte, ging es Fellini doch von Anfang an um „die phantastische
Ebene der Träume, Phantasien und Erinnerungen, die ihn jedesmal dann
überkommen, wenn es für uns bequem ist". Dass der Film mit einem
Traum beginnt [0:00:13], und die Traumwelt ebenso real und gleichberechtigt
inszeniert wird wie die tatsächliche, dürfte mit an C.G. Jung
liegen:
„Die ersten Imaginationen und Träume
waren wie feurig-flüssiger Ballast, aus ihnen kristallisierte sich
der Stein, den ich bearbeiten konnte. Die Jahre, in denen ich den
inneren Bildern nachging, waren die wichtigste Zeit meines Lebens..."
3.2.3.2 Die Personenkonstellation
Die Personenkonstellation ist allein schon
von der großen Anzahl anders zu bewerten als in Le Mépris.
Da sich alle Figuren um eine Hauptfigur, den Regisseur Guido, gruppieren,
sind Verschränkungen und Abhängigkeiten komplexer; letztlich
schränken die Abhängigkeiten Guidos Handlungsspielraum stark
ein.
Guido ist Regisseur, dem das Thema seines
Films abhanden gekommen ist. Seine eigentliche Krise ist eine innere, der
Arzt stellt zwar nur eine generelle Erschöpfung fest [0:04:07], doch
es sind seelische Leiden, die Guido quälen. Deshalb versucht er, sich
seiner Umwelt, seinen Mitmenschen und seinen Problemen auf alle möglichen
Weisen zu entziehen, sei es, dass er sich hinter einer Zeitung versteckt
[1:25:33], sei es, dass er in Tagträume flüchtet [Carla singt
und Luisa versteht sich blendend mir ihr, 1:28:40].
Er gibt eine indirekte Charakterisierung
seiner selbst, wenn er Claudia eine Filmfigur skizziert:
„Das ist ein Typ, der sich alles nehmen, alles an sich reißen will, der auf nichts verzichtet. Der wechselt jeden Tag die Richtung weil er Angst hat, in die falsche zu gehen. Er stirbt wie ausgeblutet..." [1:53:30]
Claudia Cardinale kontert: „Weil er nicht
lieben kann." [1:56:12].
Fellini schreibt zu seinem Protagonisten:
„Dieser Mensch gerät in Situationen,
die er manchmal als überschwere Last empfindet, aus denen er sich
jedoch nicht zu befreien vermag. Er hat eine Frau. Er hat eine Geliebte.
Er hält eine Unzahl von Beziehungen aufrecht, in denen er um sich
schlägt wie eine Fliege in einem Spinnennetz, würde aber vermutlich
ohne diese Bindungen in eine Leere stürzen, die noch beängstigender
wäre, weil er sich nirgends verankert fühlt."
Die Geliebte ist im Gegenzug „natürlich eine Person mit sehr großem Hintern, sehr weißer Haut und einem kleinen Kopf, friedfertig, gutmütig, offenbar das Ideal einer Geliebten, weil sie keine Geschichten macht, sehr bescheiden und ergeben".
So charakterisiert Fellini in einem ersten
Entwurf Guidos Geliebte Carla. Sie benimmt sich auf aufreizend naive Art
affektiert, was sich in ihrer Kleidung (dem weißen Muff z.B.) und
in ihrem Redeschwall [0:16:12] äußert, eine Haltung, die Guidos
Frau Luisa verachtet.
Luisa ist intellektuell, minimalistisch
elegant, bisweilen scharf, vor allem, wenn sie ihre markante Brille trägt
[1:16:17]. Fellini schreibt, es sei „eine ungemein wichtige Gestalt des
Films", allerdings wird sie in seiner Beschreibung etwas kurzangebunden
behandelt - was die Ebene der Filmgeschichte widerspiegelt, denn Guido
behandelt sie auch nicht besser. Er betrügt und belügt sie fortwährend,
um es hinterher abzustreiten. Sie würde eine Trennung herbeiführen,
wenn das im Italien der 60er Jahre nicht so schwierig wäre. Außerdem
braucht Guido sie [1:12:37].
Claudia ist eine weitere wichtige Person:
sie erscheint in Guidos Tagtraum bereits zu Anfang des Films [0:07:21],
und wird später die Funktion seiner Muse übernehmen [1:53:51].
Fellini stellt sich von Anfang an Claudia Cardinale vor (die dann auch
die Rolle übernimmt): „Schön, sehr jung, aber innerlich schon
reif, gefestigt, ein Angebot von Echtheit, mit dem der Protagonist nichts
mehr anzufangen weiß ..."
Auch wenn Guidos Mutter nur am Rande auftaucht
- und dann nur als unerreichbare Figur, die die Schande ihres Jungen beklagt
[1:02:42] -, ist ihre Präsenz wichtig, denn: Die Frauen spielen in
Guidos Leben und Phantasie die Hauptrollen. Männer kommen als Berater,
Kardinäle, Mitarbeiter, Intellektuelle und Produzenten vor, aber nicht
als echte Freunde. Eine Ausnahme bildet evtl. Mezzabotta, der Freund in
seinem Alter, der sich zu seiner sehr jungen Freundin Gloria bekennt, und
Maurice, der Magier, mit dem Guido eine nicht näher erläuterte
Vergangenheit teilt .
Guido sucht ständig nach Bestätigung
und Behütetsein: der nicht wiederzuerlangende Ort der Kindheit ist
sowohl Refugium wie auch Ort der ersten Stigmatisierungen: sexuelle Gelüste
[0:59:50], kirchliche und mütterliche Ordnungen [1:02:13] werden dort
verankert und in der Erinnerung wieder erlebt. Gepredigt wird von
allen Seiten das Ideal der Eigenständigkeit (seine Schwester Rosella
befragt ihre Geister, die Guido raten: „Du bist frei, du musst nur richtig
wählen, aber du hast nicht mehr viel Zeit" [0:21:12], und Maurice
dringt Guido, als dieser die Dreharbeiten abbrechen möchte, dazu,
den Film doch zu realisieren [2:05:25]).
3.2.3.3. Die Zeit- und Raumstruktur
Die Zeitstruktur ist nur auf den ersten
Blick ein Chaos, entwirrt man das Knäuel, erhält man den Zeitraum
von vier - wahrscheinlich - aufeinander folgenden Tagen, die in der Entstehungszeit
des Films (1962/63) liegen dürften. Kompliziert dabei ist höchstens,
dass Fellini einen „ganz bestimmten Punkt im Leben eines Menschen heraus
greifen" wollte, einen Augenblick, der auf drei Ebenen ausgedrückt
wird: der Gegenwart, der Vergangenheit und der Imagination.
Die Geschichte erzählt sich chronologisch
und wird nur von Träumen und Rückblenden unterbrochen, die allerdings
nicht immer gesondert gekennzeichnet sind. Zwar gestattet die Musik- und
Geräuschebene manchmal einige Hinweise, doch darf man sich darauf
nicht verlassen (der Traum zu Anfang des Films wird durch monoton leise
Trommelmusik und deutlich falsche Synchronisation als nicht-reale Ebene
ausgewiesen; die Rückblende ins Internat schiebt sich hingegen übergangslos
in die Audienz beim Kardinal ein).
Die Rückblenden sind Schlüsselerlebnisse,
die Guidos Gegenwart beeinflussen: die Episode im Bauernhaus zeigt die
wohlbehütete Kindheit und die erste Berührung mit Magie („Asa
Nisi Masa"), die Szene mit Saraghina bedeutet sexuelles Erwachen und Guidos
Bedürfnis nach Sinnlichkeit und weiblicher Erotik. Diese Sehnsüchte
prägen Guidos Verlangen und seine Unstetigkeit.
Die Raumstruktur ist einerseits einfach
- der Ort, der auf der Gegenwartsebene nicht verlassen wird, ist ein italienischer
Kurort -, andererseits verschachtelt: die Träume, Tagträume und
Erinnerungen entführen den Zuschauer und den Protagonisten zu
anderen, höchst unterschiedlichen Räumen: dem Bauernhaus, dem
Internat, dem Kardinalszimmer, das nur über eine Luke zu betreten
ist, oder dem Harem, der allerdings ebenfalls im Bauernhaus untergebracht
ist. Klar ist: alle Räumlichkeiten beziehen sich auf die Hauptfigur;
Guido ist das eindeutige Zentrum, und wenn die Örtlichkeiten lose
und disparat erscheinen und nur aufgrund seiner Assoziationen zusammen
hängen, dann gilt Schleichers Schlussfolgerung:
„Die Außenwelt, in der Guido sich
bewegt, ist ein Spiegelbild seines inneren Zustandes: ihr fehlt die Mitte
und die Zusammengehörigkeit der einzelnen Partikel".
Sein (irdisches, anspruchsvolles) Anliegen
sowie seine Zerrissenheit drückt Guido mit anderen Worten aus, wenn
er Rosella auf der Abschussrampe der Rakete gesteht:
„Ich wollte einen ehrlichen Film machen,
ohne Mache und ohne Lüge. Ich glaube, ich hätte etwas so Einfaches
und so leicht verständliches zu sagen, einen Film, der für alle
irgendwie von Nutzen sein könnte, der helfen könnte, für
immer alles zu begraben, was wir an Totem in uns tragen. Statt dessen bin
ich der Erste, der nicht den Mut findet, irgendetwas zu begraben. Und jetzt
weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht, und habe diesen Turm am Hals..."
[1:19:52].
Damit wäre die syntagmatische Anordnung erläutert. Kommen wir nun zur letzten Ebene: der medienspezifischen Präsentation.
3.2.4. Die filmische Präsentation
3.2.4.1. Die Kamera
Schleicher hat nachgezählt: Der 130-minütige
Film besteht aus 772 Einstellungen (ohne Texttafeln), wobei die durchschnittliche
Dauer einer Einstellung 10,1 Sekunden beträgt. Nah- und Großaufnahmen
dominieren, was darauf schließen lässt, dass besonders der mimische
Ausdrucksreichtum erfasst wird. Gegen Ende des Films dominieren im Übrigen
die Totalen, Guido entzieht sich der Kamera (oder umgekehrt: die Kamera
entzieht sich Guido), und andere Menschen rücken in ihr (und sein)
Blickfeld, was ganz im Sinne der Geschichte ist, schließlich nimmt
Guido wieder Kontakt zu seiner Umwelt auf.
Im Gegensatz zu Le Mépris ist 8
½ in schwarzweiß gedreht. Licht und Schatten spielen eine
große Rolle; dass explizit damit gearbeitet wird, veranschaulicht
vielleicht die Haremsszene: ein Spot erhellt die alternde Tänzerin
[1:38:11], und als Luisa den Boden wischt, wird ebenfalls ein Scheinwerfer
auf sie gerichtet [1:41:20]. Das Theatralische, Irreale solcher Lichtregie
ist offenkundig und von Fellini absichtlich gesetzt.
Zu erwähnen wären drei spezifische
Kamerastandpunkte: ganz zu Anfang verweigert Fellini die Kontaktaufnahme
Guidos mit der Kamera. Man sieht ihn entweder von hinten [0:00:54] oder
Einstellungen aus seiner Perspektive. Auch nachdem sich die Exposition
als Traum entpuppt, wird uns der direkte Anblick Guidos vorenthalten. Erst
als Guido in den Spiegel blickt, bekommt ihn der Zuschauer zu sehen [0:04:50],
d.h. Guidos Blick fällt mit dem des Zuschauers zusammen. Die
Kamera wird somit in eine enge Beziehung zu Guido gesetzt, gleichzeitig
begrenzt sie seinen (und unseren) Kenntnisstand.
Dass die Kamera Guidos Blick nachahmt,
wird besonders in den vielen Subjektiven deutlich.
In der Traumsequenz übernimmt die
Kamera seinen Blick aus dem Auto [0:02:01]; auf dem Friedhof sieht er seinem
Vater nach; er verfolgt Luisa auf der Straße [1:11:44]; in dem Dampfbad
reichen Guidos Mitarbeiter ihm nacheinander Kleidungsstücke [1:08:09].
Besonders während der letztgenannten Szene fällt auch der direkte
Blick in die Kamera auf, was im Spielfilm völlig unüblich ist,
in 8 ½ aber des öfteren passiert. Einige Mitarbeiter blicken
direkt in die Kamera und bitten Guido, für sie beim Kardinal
gute Worte einzulegen [1:08:11ff], in der ersten Szene im Kurpark fährt
die Kamera an wartenden Patienten vorbei, die in die Kamera lächeln
und winken [0:15:14]; auch Guido selbst wirft während des Telefonats
mit Luisa in der Hotellobby einen kurzen Blick in die Kamera [0:45:50].
Die Eigenständigkeit der Kamera unterstreicht
zudem die Macht des Regisseurs: sie ist sehr bewegt (es gibt viele Fahrten
und Schwenks), doch sind diese Bewegungen nicht erkennbar aufgrund von
Bewegungen vor der Kamera motiviert, so dass man dahinter die Intention
Fellinis vermuten muss, unsere Aufmerksamkeit zu lenken. Die Anfangsszene
im Kurpark folgt keinem anderen Grund, als die skurrilen Gestalten, die
den Heilbrunnen bevölkern, aus nächster Nähe zu zeigen;
der Gleichschritt der in der Schlange um Brunnenwasser anstehenden, weiß
gekleideten Herrschaften, unterlegt von Wagners „Walkürenritt", zeugt
von Fellinis Lust an Komik [0:05:58]. Wir sollen an seinem Spaß teilhaben,
was er übrigens selber zugibt.
3.2.4.2. Die Kinoszene unter der Lupe
Auf eine Szene soll nun verstärkt
eingegangen werden, und zwar die Episode im Kinosaal des Kurorts, wo die
Castingaufnahmen für den Film vorgeführt werden. Hier thematisiert
sich einerseits der eheliche Konflikt zwischen Guido und Luisa, und auf
der autothematischen Ebene werden die Bezüge zum Medium Film und zur
Selbstreflexion auf geniale Weise inszeniert.
Die Szene, die bis zu Luisas Abgang untersucht
werden soll, besteht aus 55 Einstellungen mit einer Gesamtlänge von
8 min 34 sec.
Die Szene davor endete mit Guidos Tagtraum
vom Harem. Luisa, in der Totalen putzend und über ihre Beziehung sinnierend,
wird mit einer Nahaufnahme Guidos überblendet [1:41:46]. Guido fasst
das zerrüttete Verhältnis zu seiner Frau mit ein paar Worten
zusammen: „Wenn du doch noch ein bisschen Geduld mit mir haben könntest,
Luisa, aber vielleicht kannst du nicht mehr." Dieser Satz erweist sich
als Prophezeiung für das Ende der Szene, Fellini stellt den Konflikt
zwischen den Eheleuten sehr deutlich dar. Im Off meldet sich der unvermeidliche
Kritiker Carini:
„Ich habe mir wirklich eingebildet, Ihnen
mit einigen Ratschlägen nützlich zu sein, aber ich glaube, dass
ich heute --" [Totale Kinosaal, der Kritiker sitzt zwei Reihen über
Guido, ab 1:41:56] „-- abend begriffen habe, dass Sie dazu berufen sind,
--" [Nahaufnahme Guido, der sich dem Kritiker erst zu- und dann abwendet,
ab 1:42:01] „-- eine Aufgabe zu lösen, die ich nie lösen könnte:
nämlich eine Masse von Gestalten, die im Drehbuch nur angedeutet ist,
aufzugliedern, und jeder ein klares Gesicht, eine endgültige Form
zu geben."
Mit der Figur des Kritikers nimmt Fellini
mögliche Kritik auf den Film vorweg, er weist deutlich auf dramaturgische
Schwachstellen hin, um allerdings den filmischen Beweis anzutreten, dass
ein Film - trotzdem er nicht nach „Rezept" realisiert worden ist - ein
unterhaltsamer, (auch und gerade intellektuell!) anspruchsvoller Film sein
kann. Andersherum: der Kritiker verbalisiert Guidos eigene Zweifel und
Ängste vor diesem Projekt, an dessen Zukunft er immer weniger glauben
kann. Damit wird er zu einem Teil Guidos - so wie alle anderen Figuren
auch Teil seiner Biographie und seines Wesens sind, mit denen Guido in
seiner Realität und in seinen Träumen umgehen muss.
Die vierte Einstellung [1:42:10-19] etabliert
Luisa, Rosella und eine Freundin, wobei Luisas gereizter Zustand in ihrem
hektischen Rauchen und der ironischen Antwort: „Es geht mir großartig"
ausgedrückt wird. Die Frauen sitzen abseits von Guido, wie überhaupt
keiner auf seiner Seite sitzt (mit Ausnahme der zwei Reihen höher
platzierte Kritiker); Guido zieht sich absichtlich von den Menschen zurück.
Der Luisa nachstellende Enrico ist ab Einstellung 5 präsent [1:42:19].
Die sechste Einstellung bringt ein Beispiel
dafür, wie Fellini Musik inszeniert. Um die Wartezeit zu überbrücken,
schlägt der Klavierspieler vor, Agostini soll steppen. Er selbst stimmt
eine kleine Improvisation an, eine der eindringlichen Melodien von Nino
Rota [1:42:29]. Das Klavierspiel untermalt ab jetzt die Szene (bis Einstellung
15).
Der Kritiker meldet sich wieder und liest
einen Ausspruch Stendhals aus der Zeitung vor:
„Das einsame Ich, das sich selbst ernährt
und um sich selbst dreht, wird schließlich in Tränen und einem
großen Gelächter ersticken." [1:42:30].
Er schlägt vor, Guido solle sich doch
öfter solch „goldene Worte" aus der Zeitung zu Herzen nehmen, um sich
massive Illusionen zu ersparen. Guido hört den Worten ein wenig gelangweilt
zu und vollführt dann eine energische Bewegung mit seinem Zeigefinger,
so, als gebe er ein Zeichen [1:42:39]. Der Kritiker verstummt, zwei Henkersknechte
treten an ihn heran, stülpen einen Sack über seinen Kopf und
führen ihn zu einem Galgen, der ein paar Reihen weiter montiert ist
[1:42:49]. Das Klavierspiel wird lauter und wir wissen, dass wir es mit
einem weiteren Tagtraum Guidos zu tun haben, der urplötzlich, und
ohne, dass der Übergang gesondert gekennzeichnet wurde, stattfindet.
Guido lässt in seiner Vorstellung den ewig nörgelnden Kritiker
erhängen, und dass sich diese Einstellungen so nahtlos in die Handlung
einfügen lassen, hat einerseits damit zu tun, dass der Zuschauer nach
gut anderthalb Stunden begriffen hat, dass Fellini derartige Assoziationen
und phantastische Ebenen jederzeit einbaut, andererseits gewährt das
Klavierspiel im Hintergrund einen kontinuierlichen Ablauf. (Der Zuschauer
ist wahrscheinlich froh, den Kritiker und seine ausladenden, intellektualisierten
Texte nicht mehr hören zu müssen, und schließt sich vergnügt
Guidos Wunschtraum an.)
Die Vorstellung (!) endet mit der gleichen
Naheinstellung von Guido, der den Zeigefinger langsam sinken lässt
[1:43:116, Einstellung 12].
Doch ein Einschub wie dieser verweist
auch auf das Problem Guidos und einen zentralen Konfliktpunkt: solange
er nicht in der Lage ist, Probleme mit sich, seinen Mitmenschen und seinem
Filmprojekt, in der Realität zu lösen, sind die Wunschträume
nur eine Flucht. Seine Umwelt bleibt ihm solange fremd, als er nicht sein
Verhältnis zu seinen Mitmenschen ändert: sie sind funktionalisierte
Objekte für ihn, zu denen er keinen Kontakt findet. Seine Handlungsunfähigkeit
im kreativen Bereich wird dadurch erst recht genährt. Sie ist „ein
Symptom, nicht die Quelle seiner Misere"62. Ab Einstellung 48 wird Luisa
ihn daraufhin ansprechen.
Mit dem Eintreten des Produzenten verstummt
die Klaviermusik [1:43:24], die Aufforderung, sich doch zu ihm nach vorne
zu setzen, lehnt Guido ab, er verharrt lieber auf seinem einsamen Außenposten,
was Rosella zu der Vermutung anregte, von dort könne er leichter „türmen"
[1:43:18]. Der Produzent gibt Guido die unmissverständliche Anweisung,
sich nach diesem Castingtermin endgültig für die Rollenvergabe
zu entscheiden [1:43:41-1:44:06]: „Klar Guido?" Guido hebt wortlos die
Hände hoch [1:44:11]. Diese Einstellung ist nach den Nahaufnahmen
davor wieder aus der Totalen gedreht, sie irritiert, weil sie unvermittelt
die Beziehung zwischen Produzent und Regisseur wieder auf Distanz rückt.
Guidos erhobene Hände können auch als unausgesprochenes „Ich
ergebe mich" interpretiert werden.
In Einstellung 23 [ab 1:44:16] übernimmt
die Kamera die Sichtweise Guidos: sein Hinterkopf ist unscharf im Vordergrund,
wir sehen den Kinosaal aus seiner Perspektive. Der Produzent kommt aus
seiner Rechtfertigung nicht mehr heraus, während langsam das Licht
ausgeblendet wird. Fellini läßt zwar den Produzenten visuell
verschwinden63, doch auf der Tonebene kann ihm weder Guido noch der Zuschauer
entkommen: „Alle warten nur darauf, dich abzuschießen! Es verleiben
dir kaum noch Freunde...! [...] Der Film muß jetzt gedreht werden,
wir müssen endlich anfangen!" [1:44:25]
Die Castingaufnahmen spiegeln Fellinis
Kunstgriff, die verschiedenen Realitätsebenen zu vermischen, mit am
besten wieder. Der Zuschauer erkennt die Figur Carla, um deren Rolle sich
mehrere Schauspielerinnen bewerben. Wenn die Originalgeliebte bereits Ansätze
zur Karikatur besitzt, so hat sie die Kopie erst recht. Guido ist anscheinend
dabei, sein Leben möglichst deckungsgleich ein zweites Mal zu inszenieren,
ganz im Sinne des Spruches, dass sich Geschichte höchstens als Farce
wiederholt. Eine Farce ist es denn auch, was die Probeaufnahmen bieten,
und niemand merkt dies deutlicher als Luisa. Sie blickt sehr ernst und
sehr traurig auf die Leinwand [1:44:55], während Guido nur das Gesicht
in seinen Hut vergräbt [1:45:16], ob aus Ärger über das
schlechte Spiel oder wegen seines schlechten Gewissens, bleibt offen.
Vollends peinlich gerät die Aufführung,
als die Aufnahmen der Schauspielerinvorgeführt werden, die die Ehefrau
verkörpern soll: hier wird auch dem freundlichen, naiven Enrico bewußt,
dass das Spiel auf der Leinwand ein Teil Guidos unverarbeiteter Realität
ist [1:47:11]. Luisa betrachtet Nägel kauend [1:46:00] die Darstellerin,
die eine ebenso markante Brille wie sie aufsetzt, und sagt:
„Dass du zehn Mal am Tag falsche Schwüre
schwörst! Und immer schwindelst! Daran habe ich ich gewöhnt.
Aber das Schlimmste ich: Nie zu wissen, was wahr und was falsch ist." [1:46:36].
Guido dreht sich leidend weg, er beugt
sich vor und flüstert: „Luisa, ich liebe dich". Nur der Zuschauer
kennt diesen Ausspruch. Der Film kommentiert dies gleich: „Du lügst
mit jedem Atemzug" [1:46:22]. Hier zeigt sich die raffinierte Montage,
die keinen Satz im Off, kein Geräusch, kein Bild zufällig aneinanderreiht.
Luisa beschuldigt Guido weniger wegen seiner Seitensprünge als wegen
seiner Unaufrichtigkeit.
Guido versammelt sowohl in der Realität
als auch in seiner Phantasie die verschiedenen Frauen seines Lebens, von
denen er Liebe, Hingabe und Stillung seiner Sehnsüchte erwartet, ohne
dafür etwas leisten zu müssen. Seine Mutter ist unerreichbar,
seine Frau betrügt er, die Geliebte wird verheimlicht, die Prostituierte
geleugnet, und Claudia, die ideale Freundin, kann ihn nicht verstehen.
Luisa verläßt den Kinosaal.
Ein Schwenk informiert uns darüber, dass Guido sie erblickt, er steht
nach kurzem Zögern auf, folgt ihr [1:47:56], wobei die Kamera in Gehen
wieder seine subjektive Sicht übernimmt [1:48:06]. Guidos Ruf „Luisa"
läßt sie umdrehen und stehenbleiben. Genau in diesem Moment
bleibt auch Guido/die Kamera stehen. Noch ist Luisa beherrscht. Doch als
Guido weiter auf sie zugeht, diesmal aus der Halbnahen, und fragt, was
passiert sei, wird Luisa schroff: „Nichts ist passiert. Zwischen uns passiert
doch nie etwas." [1:48:15]
Guido sucht Luisa durch den Hinweis zu
beschwichtigen, dass es doch nur Film sei. Doch diesen Einwand kann Luisa
nicht gelten lassen: „Oh, ich weiß besser als jeder andere, dass
es nur Film ist. Nur Erfindung. Wieder eine Lüge. Auch wenn du von
allem etwas reingepackt hast." [1:48:26]. Guido setzt sich müde hin.
Luisa, nah, fährt fort mit ihrer Abrechnung. In diesen Sätzen
wird klar, dass Guido sich nicht ohne Weiteres aus der Verantwortung stehlen
kann und seine Filme losgelöst von seinen Mitmenschen und von seinem
Verhalten erzählen kann. Es geht um das Selbstverständnis eines
Künstlers, den seine Lebenslüge eingeholt hat.
„Du hast Glück, dass du nie den Mut
haben wirst, zu sagen, wie du es machst. Aber mach ihn! Mach ihn nur, deinen
Film! (Sie wendet sich ab) Sei stolz! Beglückwünsche dich! Zeig
den Leuten, was für ein wunderbarer Mensch du bist! Aber was hast
du ihnen schon zu sagen, den anderen! Wenn du nicht einmal dem Menschen
was zu sagen hast, der jahrelang mit dir gelebt hat und der mit dir alt
geworden ist..." [1:48:36-57].
Der Ausbruch wird in Nah-, Halbnah- und
totalen Einstellungen aufgelöst. Guido, sitzend, wird leicht von oben
gezeigt. Luisas Gesicht wird sehr nah und kurz darauf aus der Distanz gezeigt.
Sie entschwindet aus der Totalen, wo die Entfernung zwischen beiden am
größten ist [1:49:09].
Dass aus dem Kinoraum nebenan nichts zu
hören ist, liegt an Fellinis Entscheidung. Denn sobald Guido sich
aufrafft und den Saal betritt, werden Geräusche und Musik aus dem
Saal wieder eingeblendet (das Saraghina-Motiv, ab [1:49:10]).
Guido will sich jetzt nicht um die berechtigten
Vorwürfe seiner Frau kümmern, das Filmprojekt hat Vorrang, auch
wenn er selbst sagt: „Ich mach ihn [den Film] nicht" [1:48:45]. Bis zum
aussöhnenden Versprechen am Ende des Films wird Guido von (Selbst-)
Zweifeln, Lebenslügen und der Angst vor Versagen geprägt sein:
8 ½ beschreibt das Scheitern eines Lebenskonzepts, nicht nur das
Beinahe-Scheitern eines Filmprojekts. Das hat der Film mit Le Mépris
gemein.
3.3. 8 ½ und Le Mépris. Ein Vergleich
Kommen wir nun auf einen Vergleich der
beiden Werke.
Gerade weil in 8 ½ der lächerlich
intellektuelle Kritiker Carini auftaucht, ist dieser Film der eindeutig
weniger intellektuelle. Hatte Godard noch geschrieben, Paul Javal wäre
eine Figur aus Letztes Jahr in Marienbad, so sagt Fellini, sein Film sei
auf der Ebene der intellektuellen Abstraktion das „Anti-Marienbad". Bei
8 ½ geht es um die Überwindung von Isolation durch intuitive
Konfrontation mit der eigenen Kindheit und den daraus resultierenden Projektionen.
Versuchen wir, die beiden Filme in ihrer
autobiographischen und autothematischen Reflexion des Regisseurs als Protagonisten
zu untersuchen.
Godard kommt, wie gezeigt, als Alter Ego
im Film nicht wirklich vor. Allein die Figur Fritz Langs dürfte ihm
in Haltung und kinematogaphischem Gewissen am nächsten kommen. Godards
Verehrung kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass er als Langs Regieassistent
auftritt. Kameramann Coutard behauptet, Godard habe den Film als „eine
Art Liebesfilm" für seine Frau gedreht. Godard selbst vergleicht seine
Filme mit einem Tagebuch. Davon ist bei Le Mépris höchstens
was die Produktionsumstände angeht, etwas zu spüren (Prokosch
telefoniert mit Joseph Levine aus den USA, der tatsächlich Le Mépris
mitproduzierte).
Die persönlichen Erlebnisse treten
bei 8 ½ einerseits offener zu tage, andererseits ist Fellini berüchtigt
dafür, in Interviews immer auch das Gegenteil zu behaupten.
Unstrittig ist, dass Fellini selbst bis
kurz vor Drehbeginn nicht wußte, von was der Film letztendlich handeln
würde, bis er aus dem Protagonisten kurzentschlossen einen Regisseur
machte, dem ebenfalls das Thema seines Films abhanden gekommen war. An
dieser Grundparallele ist nicht zu rütteln.
Es gibt keine Anhaltspunkte, den Konflikt
zwischen Guido und Luisa auf Fellinis Ehe zu übertragen. Was einzelne
Episoden und in seinen Filmen immer wieder kehrende Themenbereiche angeht,
trägt 8 ½ natürlich autobiographische Züge: die Auseinandersetzung
mit der katholischen Kirche, Weiblich-Sinnliches und der - leider nicht
nur in der damaligen Zeit - anrüchige Umgang damit wird thematisiert
- wir wissen, dass Fellini eine Neigung zur Rebellion besitzt: Als Siebenjähriger
schließt er sich einem Wanderzirkus an, deren Clown es ihm angetan
hatte. Die Liebe zum Zirkus kommt in 8 ½ besonders in der Figur
des Magiers Maurice zur Geltung und in den Musikanten-Clowns, die in der
kreisrunden Manege den Schlußtanz musikalisch begleiten [2:06:02].
Das Bauernhaus [0:37:41] ist eine Rekonstruktion
des Hauses seiner Großmutter, wie Schleicher feststellt, und auch
die Prostituierte Saraghina lebte in der Gegend von Rimini, wo Fellini
als Jugendlicher lebte.
Guido trägt nicht nur Fellinis Hut
und zitiert dessen Gesten, in der Filmgeschichte hält er ebenso wie
Fellini die Handlung des Films den Mitarbeitern gegenüber geheim;
auch werden Entscheidungen über Rollenbesetzungen in Fellinis Stil
getroffen, nämlich primär visuell.
Der große Unterschied zwischen beiden
besteht darin, dass Fellini im Gegensatz zu Guido weiß, dass es nicht
genügt, die kreative Blockade durch Verdoppelung der Realität
zu durchbrechen, sondern dass es gilt, künstlerische Mittel und Wege
zu finden, um Erlebnisse und Erfahrungen in ein „Sinn kreierendes Modell
von Welt umzuformen".
Fellini und Godard sind in der privilegierten
Lage, zur Reflexion des Selbst ein äußerst kostenintensives
Medium nutzen zu können: den Film. Ein großer Teil ihrer autothematischen
Geschichten gilt dem Status des Regisseurs und seinem Verhältnis zum
Produzenten. Godard hat betont, wie wichtig es ihm sei, über das Geld
selbst entscheiden zu können. Seine Verachtung gegenüber den
Produzenten Levine und Ponti kommt in Le Mépris dann direkt zum
Ausdruck, wenn man Prokosch als Prototyp des (amerikanisch ungebildeten)
Produzenten setzt. Auf Geheiß seiner Geldgeber drehte Godard die
Nacktszenen mit der Bardot nach, doch entschied er sich für eine Inszenierung,
die schwerlich die Gelüste des Publikums nach Lust befriedigen. Im
Rückblick stellt er fest: „Le Mépris kann keine Vorstellung
vom Kino geben, es kann, jedenfalls habe ich das versucht, eine Vorstellung
von Leuten im Kino geben [...]".
Trotzdem: Auch wenn Beziehungen zwischen
Menschen aufgrund eines Filmprojektes, und Filmprojekte an Menschen scheitern,
Godard bleibt dem Film treu, „weil das Kino der einzige Ort ist, der einem
hilft zu leben".
Fellini hat sich zwar auch in realiter
mit Produzenten herumschlagen müssen - kaum eins seiner Projekte fand
ohne Produzentenwechsel statt! -, allerdings erlaubte ihm sein Status und
auch sein kommerzieller Erfolg im Gegensatz zu Godard aufwendigere und
langwierigere Produktionen. In 8 ½ verhält sich Produzent Pace
zwar über weite Strecken als Druck ausübender Freund (er schenkt
ihm eine Uhr [0:26:54], möchte nach der Mustervorführung klare
Entscheidungen), bei der Pressekonferenz wird die Drohung allerdings offen
ausgesprochen: „Wenn du den Film nicht machst, werde ich dich ruinieren!"
[2:00:27]
Es geht in diesem Film aber wesentlich
intensiver um die persönliche Schaffenskrise eines Regisseurs, der
sich selbst zum Thema macht. Die Kritik an seiner nicht ausformulierten
persönlichen Vision liefert der Film praktischerweise gleich mit.
Schwester Rosella, Ehefrau Luisa, und, als schärfster Kritiker, Carini,
liefern die Kommentare: „Das sollen wir alles über uns ergehen lassen?
Die Visionen eines Endzeitpropheten, der es sich in den Kopf gesetzt hat,
die Menschheit in Angst zu versetzen!" lästert Rosella [1:18:15].
Carini sagt, als Guido den Film aufgibt:
„Sie haben sich von der ungeheuren Selbstüberschätzung befreit,
dass Ihre Irrtümer anderen Menschen weiterhelfen könnten." [2:04:25]
Und Guido selbst: „Ich glaubte doch eigentlich, klare Ideen zu haben. Ich
wollten einen ehrlichen Film machen, ohne allen Schwindel" [1:19:00].
Allen Aussagen gemein ist die Angst des
Künstlers, nichts zu sagen zu haben, und doch etwas sagen zu wollen.
Fellini bemerkt dazu: „8 ½ drückt
mein wirkliches Sein, meine Interessen, meine Befürchtungen aus, aber
ich glaube nicht, dass dieser Film die Geschichte Fellinis ist."
Ganz klar wehrt er sich dagegen, 8 ½
mit Guidos Entschluss, den Film nicht zu drehen, enden zu lassen. Denn:
„Im Grunde aber interessiert es mich erst,
das Chaos zu beschreiben, wenn ich aus diesem Chaos einen Ausweg erkennen
kann [...] Dieser Schluss ist die überzeugendste Darlegung der Tatsache,
dass in uns die Möglichkeit eines plötzlichen Umschwungs besteht."
Diese Kraft eint Godard und Fellini.
Fellini baut keine absichtlichen Anspielungen
aus Literatur, Kunst und Filmgeschichte so in seine Geschichte(n) ein wie
Godard. Wenn Godard der Cinéphile ist, ist Fellini der Intuitive.
Für beide bedeutet Filme machen zu leben. Für beide gilt, was
Jerry Lewis feststellt:
„Einen Film machen. Irgend etwas drehen.
Ton muss nicht sein. Titel müssen nicht sein. Farbei muss nicht sein.
Es gibt kein muss sein. Es gibt nur machen. Und ihn jemand zeigen."
4. Verwendete Literatur
Jacques AUMONT: The Fall of the Gods: Jean-Luc Godard's Le Mépris. In: Hayward, Susan / Vincendeau, Ginette (Hrsg.): French Film. Texts and contexts. London / New York 1990
Peter BONDANELLA: The Cinema of Federico Fellini, Princeton University Press, Princeton 1992
Thomas ELSAESSER: Über den Nutzen der Enttäuschung: Filmkritik zwischen Cinephilie und Nekrophilie, in: Schenk, Irmbert (Hrsg.): Filmkritik. Bestandsaufnahmen und Perspektiven, Marburg 1998
Federico FELLINI: 8 ½. (Otto e mezzo), Diogenes, Zürich 1974
Federico FELLINI / Georges SIMENON: Carissimo Simenon. Mon Cher Fellini. Der Briefwechsel zwischen Federico Fellini und Georges Simenon. Diogenes, Zürich 1997
Federico FELLINI: Fellini über Fellini. Ein intimes Gespräch mit Giovanni Grazzini, Diogenes, Zürich 1984
Federico FELLINI: Denken mit Fellini, Diogenes, Zürich 1984
Jean-Luc GODARD: Eine Wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt 1989
Jean-Luc GODARD: Liebe Arbeit Kino, Merve Verlag, Berlin 1981
Jean-Luc GODARD: Scénario du Mépris. In: Cahiers du Cinéma, Nr. 146 vom August 1963, Paris 1963
Peter R. HOFSTÄTTER: Prsychologie. Frankfurt am Main, 1957
Gérard du Ry van Beest HOLLE: Kunstgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Karl Müller Verlag, Erlangen 1991
Carl Gustav JUNG: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Walter-Verlag, Zürich / Düsseldorf 1997
Tullio KEZICH: Fellini. Eine Biographie, Diogenes, Zürich 1989
Thomas KOEBNER (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien, Reclam Verlag, Stuttgart 1999
Jerry LEWIS: Wie ich Filme mache, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1976
Johannes ROSENSTEIN: Un, deux, trois - vivre le cinéma. In: Filter-Magazin, Online-Ausgabe vom August 2000
Martin SCHAUB: Kommentierte Filmografie, in:Jean-Luc Godard, Reihe Film 19, Hrsg. Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter Jansen und Wolfram Schütte, Carl Hanser Verlag, München 1979
Harald SCHLEICHER: Film-Reflexionen. Autothematische Filme von Wim Wenders, Jean-Luc Godard und Federico Fellini, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1991
Arthur SCHOPENHAUER: Metaphysik des Schönen. Herausgegeben und eingeleitet von Volker Spierling. Piper Verlag, München / Zürich 1988
Wolfram SCHÜTTE: „Aber sind eben diese
Worte und Bilder notwendigerweise die richtigen?" Notizen zu einem Portrait,
in: Jean-Luc Godard, München 1979